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Fachkräftemangel

Fachkräftemangel in der LSR-Industrie: "War for Talents hat begonnen"

Berlin -22.06.2015 Anlässlich des 5. LSR-Aktionstages am 23. Juni 2015 in Berlin spricht Dr. Ralf Hermann, Vorsitzender der Fachabteilung LSR und Vorstand für Marketing, Portfolio und Customer Support bei der Eppendorf AG, über den Fachkräftemangel in der Life Science Research-Industrie und Auswege aus der Personalkrise.

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Dr. Ralf Hermann, Vorsitzender der FA LSR (Foto: Gabriele Köhne/ VDGH)

 

Was steckt hinter der Idee mit den LSR-Aktionstagen?

RH: „Im Zuge der sich signifikant verändernden Altersstruktur in Deutschland, wird in den letzten Jahren auch in der Life Science Research-Branche ein Fachkräftemangel sichtbar. Darüber hinaus gibt es schon seit langem in Deutschland eine Tendenz, dass deutlich weniger Abiturienten technische und naturwissenschaftliche Studiengänge einschlagen, als im internationalen Vergleich. Aus diesen Gründen sahen die Unternehmen der Fachabteilung Life Science Research (FA LSR) im Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) schon vor einigen Jahren die Notwendigkeit, Studierenden die Berufschancen in der LSR Industrie aufzuzeigen und Ihnen die vielfältigen und anspruchsvollen Berufsbilder vorzustellen.“

Das Biologiestudium ist eines der beliebtesten Studienfächer an deutschen Universitäten - warum ist es so schwer, geeigneten Nachwuchs für die Branche zu generieren?

RH: „Wie die allermeisten Studierenden der Naturwissenschaften kennen auch die Biologen ganz überwiegend nur die Berufsbilder Forschung und Entwicklung. Darüber hinausgehende Berufsbilder für Naturwissenschaftler sind in der Regel nicht so prominent und werden durch die Hochschulen und Dozenten auch nicht bekannt gemacht. Informationen dazu sind auch im Internet und aus anderen üblichen Quellen nur schwer zu bekommen. Diese Informationslücke möchte die FA LSR mit den Aktionstagen schließen und gleichzeitig auch Nachwuchswerbung betreiben.“

Ist ein Fachkräftemangel in der LSR-Industrie deutlich spürbar und wenn ja, wie macht dieser sich bemerkbar?

RH: „Aus den oben genannten Gründen kann seit einigen Jahren ein Fachkräftemangel festgestellt werden, der sich vor allem dadurch bemerkbar macht, dass immer häufiger offene Stellen mit Hilfe von Personalberatern besetzt werden und Vakanzen teils über Monate hinweg nicht geschlossen werden können.“

Ca. 11.200 Mitarbeiter beschäftigt die LSR-Industrie bislang in Deutschland: Wie viele Stellen können pro Jahr aufgrund eines Fachkräftemangels in Ihrer Branche nicht besetzt werden?

RH: „Auf Grund fehlender Statistiken kann diese Frage nicht beantwortet werden. Aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit Kollegen anderer Unternehmen scheinen jedoch in der Regel noch alle Stellen besetzt werden zu können, aber die Suchzeiten verlängern sich ständig. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden in wenigen Jahren sicher signifikante Anzahlen an Stellen unbesetzt bleiben. Der „War for Talents“ hat bereits begonnen.“

Wer LSR-Unternehmen kennt, weiß, dass diese sehr attraktive Arbeitgeber sind – was macht für Jungwissenschaftler eine Karriere in der Industrie interessant?

RH: „Die LSR-Unternehmen sind in der Regel global aufgestellt und bieten eine Vielzahl unterschiedlichster, anspruchsvoller und spannender Jobs an – vom Außendienst bis zum Applikationsspezialisten, vom Brand Manager bis zum Produktmanager und vom Kommunikationsspezialisten bis zum Webmanager. In all diesen Berufen wird das Arbeiten in interdisziplinären und internationalen Teams immer wichtiger und Verantwortungsübernahmemöglichkeiten und Gestaltungsfreiräume nehmen zu. Durch die starke Kundenorientierung der LSR-Unternehmen bleiben die Mitarbeiter am Puls der Wissenschaft, können jedoch gleichzeitig ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in vielen anderen Bereichen wie z. B. Wirtschaft, Kommunikation, Marketing und Verkauf weiter entwickeln.

Hinzu kommt auch die Notwendigkeit: Eine Auswertung von Erhebungen in England im Jahr 2010 hat aufgezeigt, dass etwa 50 Prozent aus den klassischen naturwissenschaftlichen Studiengängen sofort nach dem Studium eine Karriere außerhalb der Forschung suchen, 47 Prozent bleiben aber zunächst an der Uni. Nach einer kurzen Forscher-Laufbahn kehren dann aber nochmals 27 Prozent der Hochschule den Rücken, um doch in die Industrie zu wechseln. Lediglich 0,45 Prozent aller Studierenden in den Naturwissenschaften erreichen irgendwann die Professur. Damit suchen schlussendlich rund 80 Prozent aller Jungforscher einen Job in der Industrie. Dies zeigt, dass für die meisten Naturwissenschaftler eine Industrie-Karriere in Frage kommt, wenn sie nach dem Studium mit ihren Kenntnissen Geld verdienen und sich eine Perspektive aufbauen wollen. Hier wäre es wichtig, diese „Ströme“ frühzeitiger durch eine verbesserte Informationspolitik zu lenken. So verlieren die jungen Bewerber u. U. weniger Zeit bei der Suche, wissen schneller, was sie beruflich interessieren könnte und wie sie sich erfolgreicher bewerben. Ein gut informierter und vorbereiteter Bewerber hilft nicht zuletzt auch den Unternehmen.“

Auf welche Fachkräfte kommt es in der Branche zunehmend an?

RH: „Neben den natürlich auch weiterhin benötigten Entwicklern (Ingenieure und Naturwissenschaftler), werden insbesondere Wissenschaftler benötigt, die in der Lage sind, Fachwissen mit Anwendungskenntnissen und einem großen Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu kombinieren. Diese Kombination wird an den Hochschulen nur in ganz seltenen Fällen gelehrt und die LSR-Unternehmen engagieren sich mit hohem Aufwand, um diese Fähigkeiten bei neuen Mitarbeitern selbst zu schulen und zu entwickeln. Darüber hinaus werden auch vermehrt Naturwissenschaftler mit IT-Ausbildung benötigt, da die Datenanalyse wissenschaftlicher Ergebnisse zunehmend komplexer und wichtiger wird – Stichwort „Big Data“.“

Wie könnte einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel in der LSR-Industrie entgegengewirkt werden?

RH: „Neben der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, der Umkehrung der Alterspyramide entgegen zu wirken und das Aufziehen von Kindern wieder attraktiver zu machen, sind es vor allem folgende Maßnahmen, die der LSR-Industrie helfen könnten:

Zum einen müssten Naturwissenschaften und Technik, sowie Wirtschaft in den Lehrplänen der Schulen sehr viel stärker betont , entsprechend ausgebildete Lehrer eingestellt und der Unterricht in diesen Bereichen attraktiver und interaktiver gestaltet werden. Zum anderen müsste an den Hochschulen eine bessere Information über mögliche Berufsbilder erfolgen und die Ausbildung nicht ausschließlich nur auf die Forschung zugeschnitten sein. Zusätzlich könnten attraktive Informationsportale der Bundesagentur für Arbeit – u. a. in Kooperation mit der Industrie – über alternative Berufsbilder informieren. Darüber hinaus sollten Kombinationsstudiengänge aus Wirtschaft und Wissenschaft verstärkt erarbeitet und angeboten werden.“

* Die Fragen stellte Gabriele Köhne (VDGH).